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Die verstreute Sammlung

Viele Objekte der Jesuiten sind seit der Aufhebung des Ordens im Jahr 1773 aus der Kölner Sammlung verschwunden. Die Auswertung verschiedener Quellen, wie Literatur, Archivalien, Kataloge und Bestandsverzeichnisse, haben Provenienzforscher*innen auf die Spuren dieser verstreuten Sammlung geführt. Manches kann bereits nachgewiesen werden und soll zumindest virtuell den in Köln verbliebenen Bestand ergänzen. Von etlichen Objekten fehlen bislang Spuren. An dieser Stelle wollen wir Ergebnisse präsentieren, Fragen stellen und Hinweisen nachgehen, um jesuitischen Vorbesitz des Kölner Kollegs zu dokumentieren. Für Hinweise, die mehr Licht ins Dunkle bringen, sind wir dankbar.

 

Was wir bereits wissen

Paris: Kölner Jesuitenbesitz im Musée du Louvre und der Bibliothèque nationale de France

 

Besonderheiten

Ansicht von Paris, 1860. Zeichnung von Jakob Ignaz Hittorff >>

 

Im Zuge der französischen Besetzung wurden Bestände aus dem Kölner Jesuitenkolleg im November 1794 als erste Sammlung konfisziert und nach Paris überführt, wo sie sich noch heute befinden. Am Morgen des 9. November wandten sich die französischen Kommissare zunächst dem Bibliotheksbestand zu. Ferdinand Franz Wallraf beschrieb kursorisch, aus welchen Beständen Werke mitgenommen wurden, und erwähnt auch, dass Bücher nicht in die Nationalbibliothek, sondern stattdessen in den Handel gelangten. Von den Beschlagnahmungen in der Bibliothek waren auch die Alben mit Zeichnungen und Druckgrafiken betroffen, die zusammen mit Büchern und Handschriften im Bibliothekssaal im Untergeschoss des Kollegs untergebracht waren.

Musèe du Louvre: Zeichnungen

Im Musèe du Louvre befindet sich bis heute der größte Teil der Zeichnungen, rund 27.500 Blätter, die dort nach 1808 mit dem Stempel „Col.“ („Envoi de Cologne“) versehen wurden. Die zuvor in Klebebänden gesammelten Zeichnungen wurden aus diesen herausgelöst und einzeln aufbewahrt, grob systematisiert und verzeichnet. Bemerkenswert ist, dass in Paris die leeren Einbände dieser Alben aufbewahrt wurden. Um diese Sammlung von Zeichnungen, die einsehbar sind, in ihrer Tiefe zu erschließen, reicht jedoch der im Louvre erstellte Katalog nicht aus. Es bedarf dazu bis heute des alten jesuitischen Verzeichnisses, dessen Original sich im Historischen Archiv der Stadt Köln >> befindet.

 Das 1778 unter der Verantwortung von Jacob Heyder (1745-1798) erstellte Verzeichnis „Stampe e disegni, che si trovano nel museo del Collegio Tricoronato a Colonia“ listet die laut Wallraf noch von den Jesuiten für die Universitätssammlung bestimmten Zeichnungen und Druckgrafiken auf. Heyder, der wohl noch kurz vor der Aufhebung der Jesuiten 1773 vollwertiges Ordensmitglied wurde, verwaltete zu dieser Zeit einen Großteil der Jesuitischen Sammlungen. Zur Anfertigung des Katalogs kam es wohl, weil der Kölner Statdrat mit dem Gedanken spielte, die ehemals jesuitische Grafiksammlung zu veräußern - dazu kam es glücklicherweise nicht. Mit freundlicher Genehmigung der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln können wir den Katalog hier sowohl in handschriftlicher als auch in gedruckter Form präsentieren:

 

Besonderheiten

Jacob Heyder verwaltete einen Großteil der jesuitischen Sammlungen, auch die Bibliothek. In einigen Büchern haben sich seine Spuren erhalten. v. o. n. u.: GBIV7264 >>, N5/74 >>

 

Bibliothèque nationale de France: Druckgrafische Sammlung

Wie bei den Zeichnungen befindet sich auch der größte Teil der druckgrafischen Sammlung in Frankreich, und zwar in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Die Grafiken, die von den Jesuiten ebenfalls in Klebebänden zusammengefasst wurden, stehen in 143 „portefeuilles“ im Cabinet des Estampes für die Einsichtnahme zur Verfügung. Auch diese Blätter wurden mit dem Stempel „Col.“ versehen.
Dietmar Spengler: Spiritualia et pictura : die Graphische Sammlung des ehemaligen Jesuitenkollegs in Köln ; die Druckgraphik, Köln, 2003 >>

Wie sehr die Sammlung zerstreut wurde, beweist auch das Vorhandensein von sechs Klebebänden mit gedruckten Portraits, die sich in der Gymnasialbibliothek in der USB befinden und mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Besitz der Jesuiten stammen. Aktuell werden die stark beschädigten Bände restauriert. Es wurde bereits begonnen, sie unter kunsthistorischen Aspekten zu untersuchen und zu beschreiben. Überdies ist geplant, diese Druckgrafiken mit Beständen anderer Sammlungen (Musée du Louvre, WRM, UB Heidelberg, Sammlung Waldburg-Wolfegg) zu vergleichen.

 

Bibliothèque nationale de France: Handschriften und Drucke

Vier Wochen nach dem Einzug der Franzosen, am 9. November 1794, wurde die Bibliothek der Ex-Jesuiten (so der frz. Wortlaut) als erste der Kölner Sammlungen von den „Kommissaren für Wissenschaft und Kunst“ nach wertvollen Büchern und Handschriften durchsucht und diese nach Paris verbracht. Anders als bei den Zeichnungen und Druckgrafiken sind keine Handschriften und Bücher nach Köln zurückgekommen. Bei einer autoptischen Untersuchung sollten die Bände jedoch leicht anhand des Besitzvermerks „Colleg. S. J. Col.“ oder „Collegii Societatis Jesu Coloniae” auf den Titelblättern zu identifizieren sein. Die Suche nach diesem Provenienzvermerk des Kölner Bestands ist anhand des Onlinekatalogs der BnF bislang nicht möglich. Sie kann folglich nur über eine Titelrecherche und anschließender Überprüfung der einzelnen Bände in der Bibliothèque national erfolgen. Dazu bedarf es zunächst der über Wallrafs Aufzählung hinausgehenden Quellenforschung in den Archiven von Köln, Duisburg (Roerdepartement) und Paris – ein weiteres Forschungsdesiderat.

 

Was wir bereits entdeckt haben

Köln: Mehr als 200 Bücher der Jesuiten in der Bibliothek von Ferdinand Franz Wallraf entdeckt

 

Besonderheiten

Ferdinand Franz Wallraf

 

Im Zuge der Restaurierung der Bibliothek Wallraf >>, bei der mehr als 10.000 Bände Buch für Buch überprüft wurden, haben unsere Buchbinderinnen Bücher der Kölner Jesuiten entdeckt und verzeichnet. Diese Bände sind nun im Onlinekatalog außer mit dem virtuellen Sammlungsvermerk „Sammlung Ferdinand Franz Wallraf“ auch mit dem Link „Sammlung Jesuitenbibliothek“ versehen worden. Sie stellen somit eine Gruppe von Büchern dar, die zwar zum jesuitischen Besitz, jedoch nicht zur Gymnasialbibliothek gehören. Unklar ist noch, wie die Bände in den Besitz Wallrafs bzw. in seine Bibliothek gelangt sind. Fest steht, dass Wallraf die Jesuitensammlung gut kannte. Möglich wäre, dass er auch diese Bücher nach 1794 „gerettet“ hat. Hier steht die Provenienzforschung noch vor einem Rätsel. Eine genauere Untersuchung der Provenienzen könnte weitere Erkenntnisse über das Schicksal der jesuitischen Sammlungen um 1800 erschließen.

 

Köln – Paris – Köln: Jesuitenbände aus der Bibliothek von Jakob Ignaz Hittorff (1792-1867)

In seinem Testament von 1861 schreibt Hittorff über Architekturbände, die sein Vater ihm in Köln aus dem Vorbesitz der Jesuiten gekauft hat. Seine Bibliothek vermachte der in Paris wirkende Architekt seiner Vaterstadt; sie steht seit 1898 in Köln und wurde in der USB 2018-2020 physisch rekonstruiert (neu aufgestellt unter der Signatur: HITT). Die erwähnten Architekturbände fanden sich unter den in der USB vorhandenen Bänden leider nicht, evtl. sind sie nicht nach Köln zurückgekommen. Nachweislich befindet sich aber ein zweibändiges Werk von Gottsched in Hittorffs Bibliothek mit dem Vorbesitzeintrag des Kölner Jesuitenkollegs.

 

Köln: Jesuitenbücher in der alten Stadtbibliothek

Im Bestand der alten Kölner Stadtbibliothek sind ebenfalls Bände jesuitischer Provenienz, wie z.B. der Thesaurus Theologicus von Matthäus Vogler. Frankfurt: M. Becker, 1612. Sign.: T2/1470], ein Werk, das die USB 1943 geschenkt bekam. Aufgrund des kriegsbedingten Verlustes unserer Erwerbungsakten vor 1945 können wir nicht mehr herausfinden, wer der Schenker war. Im Zuge der Restaurierung der Stadtbibliotheksbestände erwarten wir weitere Funde.

 

Institutionen, die über Objekte aus dem Besitz des Kölner Jesuitenkollegs verfügen
     
Köln Kölner Gymnasial- und Stiftungsfond   Gemälde
  Wallraf-Richartz-Museum / Fondation Corboud   Zeichnungen, Druckgrafiken
  Kölnisches Stadtmuseum   Objekte des Physikalischen Kabinetts
  Historisches Archiv der Stadt Köln   Archivalien, Handschriften
  Universitäts- und Stadtbibliothek Köln   Jesuitenbibliothek in der Gymnasialbibliothek
      Bibliothek von Ferdinand Franz Wallraf
      Alte Stadtbibliothek
     
Berlin Staatsbibliothek zu Berlin   Inkunabeln
     
Paris Musée du Louvre   Zeichnungen
  Bibliothèque national de France   Handschriften, Bücher, Druckgrafiken

 

Wonach wir suchen

Köln: USB verkaufte Inkunabeln

Im Mai 1920 wurden die Bestände der Stadtbibliothek mit den Bibliotheken der Handelshochschule und der Akademie für praktische Medizin zur USB zusammengefasst, um der im Jahr zuvor wiedergegründeten Universität als zentrale Bibliothek zu dienen. Ein wesentlicher Teil der Stadtbibliothek stellt die sog. Gymnasialbibliothek dar, deren Grundstock die Büchersammlung der Jesuiten bildete und die Eigentum des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds ist.
Am 25. Juli 1922 veräußerte die USB 314 vermeintlich doppelt vorhandene Inkunabeln. (Wir wissen heute, dass jedes Exemplar dieser ersten Drucke aufgrund der Buchausstattung, der Nutzungsspuren und der Provenienz einzigartig ist). Unter den 30 Inkunabeln, die die Staatsbibliothek Berlin ersteigerte, befand sich auch der Kölner Druck „Gerson, Johannes: Monotessaron seu Concordantiae evangelistarum. Köln: Arnold ter Hoernen, um 1473“, der nachweislich aus jesuitischem Besitz stammt.

 

Besonderheiten

Bild Prov. „Signatur und Inventarnummer der Staatsbibliothek zu Berlin. Handschriftlicher Besitzeintrag des Kölner Jesuitenkollegs

 

Besonderheiten

Bild Titelblatt „Erstes Blatt Johannes Gerson: Monotessaron. Köln, Arnold te Hoernen, um 1473.“

 

Da die Stadt Köln den Verkauf von Büchern aus der Bibliothek Wallraf verboten hatte (Quelle: HAStK, Bestand 608 A 163, Bl. 13. Wir danken Frau Dr. Heidrun Edelmann für den Quellennachweis), griff man zu Dubletten aus anderen Sammlungen, vor allem aus der Gymnasialbibliothek. Leider zählen 14 der 30 Inkunabeln zu den Kriegsverlusten der Staatsbibliothek zu Berlin. (Freundlicher Dank an Dr. Falk Eisermann, Staatbibliothek zu Berlin.)
Aktuell versuchen wir, die Kölner Inkunabeln und Frühdrucke herauszufinden, die versteigert wurden, wo sie sich heute befinden und ob einige und, wenn ja, welche von ihnen einst zur Jesuitenbibliothek gehörten.
Bekannt ist auch, dass es bereits im 19. Jahrhundert Dublettenverkäufe aus der Gymnasialbibliothek gegeben hat. Ob sich Bände aus jesuitischem Besitz darunter befanden, ist bislang unklar.

 

Wo ist die naturkundliche Sammlung der Kölner Jesuiten?

An dieser Stelle soll ein weiteres Forschungsdesiderat genannt sein, denn es gibt bislang keine Hinweise auf den Verbleib der naturkundlichen Sammlung (Naturaliensammlung) der Jesuiten. Dass es eine solche Sammlung gab, ist hinlänglich belegt. So erweiterte Regens Heinrich Frings (1718-1780), Professor am Tricoronatum von 1749-1767, nachweislich die Kunst- und Naturaliensammlung, aus Frings, H.: Promemoria de legentibus 1774, HAStK Univ.-Akten Nr. 992; vgl. Quarg, S. 30, Anm. 80. Bücher aus seinem Besitz konnten in der Jesuitenbibliothek nachgewiesen werden, siehe: Heinrich Frings im Kölner Provenienzportal: Heinrich Frings im Kölner Provenienzportal >>


Überdies sind acht Bände mit prächtigen Kupferstichen bekannt, die in diesem Kabinett aufgestellt waren und die sich heute in der USB Köln befinden (GBX369+B - N1/105): “Kupfer-Bibel: In welcher Die Physica Sacra, Oder Geheiligte Natur-Wissenschaft Derer In Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen / Deutlich erklärt und bewährt“ von Johann Jacob Scheuchzer; Johann Andreas Pfeffel. Augusburg: Wagner, 1731-1735.">> Das Kabinett enthielt laut der Beschreibung dort nicht nur Naturalien, sondern ebenso Antiquitäten und Kuriositäten!

 

Besonderheiten

Abbildungen aus der 'Kupfer-Bibel' Johann Jacob Scheuchzers'. Das achtbändige Werk war in einem Kabinett der Jesuiten aufgestellt, von dessen Sammlungsgegenständen ansonsten jede Spur fehlt.

 

Auch Ferdinand Franz Wallraf erwähnt ausdrücklich das „Natural Zimmer“ des Kollegs: „Nach der Plünderung der Bibliothek (…) schritt man zur Plünderung des bis dahin versiegelten Naturalien-Cabinettes und Museums“ und er listet Objekte der Mineraliensammlung auf. Detaillierter ist das „Inventaire du Cabinet de Mathématiques et Physique“, heute im Hauptstaatsarchiv in Duisburg.

 

Gab es Objekte aus den jesuitischen Missionsstationen?

An den Standorten ihrer missionarischen Tätigkeiten haben Jesuiten Objekte gesammelt und sie in ihren Lehrsammlungen zusammengefasst. Daher ist auch für das bedeutende Jesuitenkolleg in Köln anzunehmen, dass es eine Sammlung von Objekten gegeben hat, die aus fernen Ländern stammte.

 

Ausgewählte Literatur:
  • Heyder, Jacob: Stampe e disegni, che si trovano nel museo del Collegio Tricoronato a Colonia. Figurae Aeri Incisae Et Picturae Lineares, Quae Exstant In Gazophylacio Rerum Naturalium & Artificiosarum Collegii Tricoronati Coloniae Agrippinae. Köln, 1778.
  • Wallraf, Ferdinand Franz: Denkschrift über die Verluste, welche die freie Reichsstadt Köln durch die Franzosen erlitten hat. Köln, 1815.
  • Wallraf, Ferdinand Franz: Ausgewählte Schriften. Köln, 1861.
  • Spengler, Dietmar: Spiritualia et pictura. Die graphische Sammlung des ehemaligen Jesuitenkollegs in Köln. Köln, 2003.
  • Hoffrath, Christiane; Kiene, Michael (Hg.): Hommage für Hittorff. 1792-1867: Bilder, Bücher und Würdigungen. Köln, 2020.
  • Quarg, Gunter: Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität. Köln, 1996.